Shame (2011)

Handlung

Brandon (Michael Fassbender) führt ein perfektes Leben. Der Mittdreißiger sieht blendend aus, hat einen guten Job, eine tolle Wohnung und an Angeboten von Frauen mangelt es ebenfalls nicht. Doch dies ist nur die Außenfassade für ein zerrissenes und gequältes Innenleben. Brandon ist krankhaft sexsüchtig. Wenn er sich nicht gerade mit einer (oder mehreren) Prostituierten oder mit einer zufälligen Bar-Bekanntschaft vergnügt, masturbiert er in der Dusche, auf der Bürotoilette oder vor dem Computer-Monitor. Er schafft es dieses Parallelleben gut aufrecht zu erhalten. Doch mit der unangekündigten Ankunft seiner psychisch labilen Schwester Sissy (Carey Mulligan) fängt die Fassade an zu bröckeln. Brandon wird allmählich die Last dieses Doppellebens und das Ausmaß seines Problems bewusst.

Kritik

Wenige Filme haben in letzter Zeit bei den Zensoren in den USA die Gemüter so sehr erregt wie Shame. Wegen seiner Thematik und der sehr freizügigen Szenen bekam der Film in den Staaten die höchste Altersfreigabe „NC-17“ – als erster Film seit 2007. Diese Freigabe bedeutet meist den kommerziellen Todesstoss für jeden Film, denn die meisten Kinobesitzer weigern sich NC-17-Filme zu spielen und die Zuschauer werden von der Freigabe oft ebenfalls abgeschreckt, hat diese doch einen gewissen schmutzigen und provokanten Beigeschmack. Auch für die Academy of Motion Pictures and Arts war es wohl zuviel, denn diese verweigerte dem Film jegliche Anerkennung bei den Oscars. Trotz viel Lob für die darstellerischen Leistungen der beiden Darsteller des Films und diverser Kritikerpreise für diese, gingen sie bei der Bekanntgabe der Oscar-Nominierungen leer aus. Sex sells, aber eben nur wenn es schön, positiv, ästhetisch und nicht allzu freizügig zur Sache geht. Die dunklen und selbstdestruktiven Abgründe, in die Shame einen Blick hineinwirft, sind für die meisten Zuschauer wohl doch zu viel des Guten.

Schade, denn wer sich von der Thematik oder der Freigabe abschrecken lässt, verpasst einen höchst interessanten, meistervoll gemachten und vor allem zur Perfektion agierten Streifen, wie man diese selten sieht. Kaum ein Film hat sich jemals mit der Thematik der Hypersexualität und den Auswirkungen dieser Störung (denn nichts anderes ist es) auf die betroffene Person so eingehend befasst wie Shame. Dabei wird der Sex als Handlung alles andere als glamourisiert. Vielmehr ist es ein destruktiver Akt. Die Verzweiflung weicht selten aus Brandons Gesicht und an viel Genuss bei dem Akt ist nicht zu denken. Brandon ist eben ein Süchtiger und sexuelle Handlungen stellen für ihn nichts anderes als die Befriedigung dieser Sucht dar. Ohne diese leidet er an Entzugserscheinungen, wie es bei jeder anderen Sucht auch der Fall ist.

Ein großes Lob hier geht an den Regisseur Steve McQueen. Schon bei seinem Debütfilm Hunger (ebenfalls mit Michael Fassbender in der Hauptrolle) zeigte er seine Vorliebe für schwierige Stoffe. Der Film befasste sich mit dem Hungerstreik der irischen Gefängnisinsassen in Nordirland im Jahre 1981. Genau wie bei Hunger schreckt sich McQueen auch bei Shame nicht davor explizite Szenen zu zeigen, ohne jemals plakativ zu wirken. In der Tat enthält Shame viele unangenehme Momente. Selten wurde die Stadt New York so trostlos, schmutzig und abstoßend dargestellt. Nach dem Film fühlt man sich selbst irgendwie schmutzig. Doch niemals wirkt das als Selbstzweck. Obgleich die Atmosphäre durchweg unangenehm ist und eine gewisse Anspannung in der Luft liegt, ist das Ganze dennoch in schöne Bilder gehüllt und mit schöner Musik, unter anderem von Bach, unterlegt. Überhaupt bildet ein Musikstück eine der zentralen Szenen des Films. Wenn Carey Mulligan ihre Variante von Sinatras Klassiker „New York New York“ zum Besten gibt, scheint die Zeit für die Filmcharaktere, aber auch für den Zuschauer still zu stehen. Dies ist eins der wenigen Momente, wo die distanzierte Schale von Fassbenders Brandon angekratzt, vielleicht gar für kurze Zeit durchbrochen wird.

So sehr McQueens Regieleistung bei Shame bemerkenswert ist, würde der Film nicht so unter die Haut gehen, wenn nicht Michael Fassbender und Carey Mulligan die Bestleistungen ihrer jeweiligen Karrieren abgeliefert hätten. Michael Fassbender hatte ein gutes Jahr in 2011. Seine Darstellung des jungen Magneto in X-Men: Erste Entscheidung (OT: X-Men: First Class) gilt gemeinhin als das Highlight des Films. Auch seine Rollen in der Literaturverfilmung Jane Eyre und in David Cronenbergs Eine Dunkle Begierde (OT: A Dangerous Method) brachten ihm Anerkennung. Doch alle diese Rollen verblassen zu seiner Performance als Brandon. Fassbender gab hier alles für die Rolle und legte seine ganze Seele hinein. Er entblößt sich völlig. Zunächst nur physisch, denn es herrscht eine kühle Distanz zum Charakter vom Anfang an. Bereits in den allerersten Szenen des Films ist Brandon nackt in seiner Wohnung zu sehen. Der Einblick ist extrem privat, zeigt er doch Brandon gar beim Urinieren (eine Szene, die laut Fassbender selbst, nicht simuliert war). Dies steht jedoch im starken Kontrast dazu, wie tief seine wunden und sein Leid vergraben sind. Nicht einmal ihm selbst ist sein Leid vollkommen bewusst nicht bis seine Schwester bei ihm ankommt und sich langsam Risse in der glatten Oberfläche zeigen. Im Laufe des Films entblößt sich dann auch Brandons Innerstes. Eine der unangenehmsten Szenen ist nicht einmal eine der vielen Sex-Szenen des Films, sondern ein scheinbar harmloses Date von Brandon mit einer Kollegin, die offensichtlich an ihm interessiert ist. Hier kommt Brandons Unfähigkeit, sich in solch einer normalen und alltäglichen Situation zurecht zu kommen. In Beziehungsdingen ist er verloren, das Emotionale ist für ihn gestorben und das Physische beherrscht seine Gedanken, ob er es nun will oder nicht. Das Unwohlsein und die Verlegenheit von Brandon bei dem Date übertragen sich direkt auf den Zuschauer und dies ist bloß Fassbenders unglaublich nuanciertem Spiel zu verdanken.

So sehr Michael Fassbender eine Naturgewalt in diesem Film ist, hält Carey Mulligan sich dennoch sehr gut. Auch ihr Charakter erscheint in ihrer ersten Szene nackt. Zugegeben die Nacktheitssymbolik im Film ist alles andere als subtil, aber sie wirkt. Im Gegensatz zu Brandon, gibt Sissy mehr von sich und ihrem Innenleben preis, doch ihre Versuche so etwas wie eine geschwisterliche Beziehung zu Brandon zu haben, prallen an Brandons Schutzhülle einfach ab. Mulligans Performance ist zurückhaltender als Fassbenders, zeugt aber von genauso viel Emotionalität.

Eine weise Entscheidung der Filmemacher ist es dem Geschwisterpaar keine explizite Vorgeschichte von Missbrauch oder Ähnlichem zu geben. Dies hätte den Film überladen und zu offensichtlich gemacht. Die Vergangenheit wird nur in einem Satz von Sissy zu Brandon angedeutet: „Wir sind keine schlechten Menschen, wir kommen nur aus einer schlechten Umgebung“. Mehr wird dazu nicht erwähnt und das ist auch gut so. Es wäre zu leicht, Erklärungsversuche für die beiden gescheiterten Existenzen (Sissy offensichtlicher als Brandon) in den Raum zu werfen. Das Thema ist heikel genug und es hätte schnell zu viel werden können. Bereits der leichte Hauch vom möglicherweise angedeuteten inzestuösen Verhältnis scheint hier schon unnötig. Insgesamt bleibt der Film aber gut in seinen Grenzen und geht mehr in die Tiefe als in die Bereite der Themen.

Shame ist keine leichte Kost und sicherlich kein Film für jedermann. Es gibt hier keine Erlösung, kein Licht am Ende des Tunnels. Es ist nur die Trostlosigkeit und die Hoffnungslosigkeit. In Hunger sitzt Fassbenders Charakter in einem Gefägnis aus Stahl und Beton. In Shame lebt sein Brandon alle möglichen Freiheiten aus und führt ein freizügiges Leben. Doch gerade dadurch schafft er für sich und seine Gefühle ein beklemmendes Gefängnis.

Fazit

Der Regisseur Steve McQueen nimmt in Shame den Zuschauer mit auf eine dunkle und schonungslose Reise in die Abgründe eines kaputten Menschen, fabelhaft gespielt von Michael Fassbender.

Bewertung: 

Trailer

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